Detox? Also „Entgiftung“ vom Digitalen?

Sind wir so weit, das Digitale als Gift anzusehen, das uns schaden oder gar umbringen könnte? Aber was ist überhaupt „das Digitale“? Und – Ist nicht unser gesamter technischer, sozialer und wirtschaftlicher Fortschritt vor allen Dingen auf „die Digitalisierung“ zurückzuführen?

Vielleicht müssten wir grundsätzlich erst einmal klären, was an der Digitalisierung für uns nützlich und was schädlich ist. Dies liegt wiederum im Auge des Betrachters, denn „das Digitale“ ist sehr häufig mit einer Form der Kommunikation gleichzusetzen: Entweder kommunizieren Menschen miteinander oder es kommunizieren Systeme. Oder Menschen mit Systemen.

Aber es gibt immer einen Sender und einen Empfänger – genau wie bei der „klassischen“ Kommunikation. Fakt ist, dass besonders Menschen in Berufen, die ein hohes Mass an Digitalisierung beinhalten, sich eher gestresst, überfordert und ausgebrannt fühlen. Deutlich häufiger als Menschen, die mit weniger digital-geprägten Tätigkeiten ihr Geld verdienen.

Aber Freizeit haben wir alle.

Und ob Altenpfleger oder Top-Managerin: Unsere neuen Begleiter weichen uns keinen Schritt von der Seite. Viele sagen: Sie hätten uns sogar das reale Leben weggenommen. Durchschnittlich 88x schauen wir alle heute auf unser Smartphone. Jeden Tag! Und natürlich bietet uns die Technik enorme Vorteile, die wir nicht einzeln aufzählen müssen. Die Digitalisierung hat unsere Kommunikation in vielen Fällen vereinfacht oder überhaupt erst möglich gemacht!

Die Kehrseite liegt wie so oft im Verborgenen. Unsere ständige Aufmerksamkeit für unsere Smartphones, Tablets und PCs sind gleichzusetzen mit einer ständigen Erreichbarkeit. Wir bezahlen die vielen Vorteile der digitalen Welt mit dem kostbarsten, das wir besitzen: Unserer Zeit.

Ist also kein Entrinnen möglich?

Ausgeliefert, und wie ferngesteuert, wurden wir in den letzten Jahren alle zu „Smombies“ (Smartphone-Zombies): Den Blick gesenkt, völlig isoliert und ohne Bezug zum realen Leben sind wir in den Apps & Browsern auf unseren Smartphones verloren gegangen.

Neue Krankheitsbilder sind entstanden: Sie können heute unter „Nomophobie“ leiden. Das bedeutet, dass Sie davor Angst haben, uber ihr Smartphone nicht erreichbar zu sein. So schlimm?

Gar apokalyptisch? „Sola dosis facit venenum!“ erkannte im 16. Jahrhundert Theophrastus Bombast von Hohenheim (Paracelsus). Die Dosis macht also das Gift und ob es demnach einem Menschen helfen oder ihn töten würde, sei einzig von der Menge des verabreichten Wirkstoffes abhängig.

Ist dies auch für den digitalen Alltag gültig?

Reicht es, dass wir uns bewusst darüber werden, für was wir unsere wertvolle Zeit opfern wollen und sie nicht pauschal den Social Media Plattformen, Newslettern oder Videoportalen in den Rachen werfen? Ehe wir also alle massenweise zu überteuerten Detox-Seminaren aufbrechen, bei denen wir zurück zu unseren Wurzeln finden sollen (den Selbstfindungstrip aber online buchen und bezahlen müssen), können wir uns erst einmal bewusst darüber werden, wie wir mit unsere Zeit umgehen wollen – und ob es sich nicht vielleicht lohnen kann, einen (wenn auch nur kleinen) Rückzug aus der digitalen in die analoge Welt bewusst in unseren Alltag einzubinden.

Eine Welt, in der wir nicht jeden Tag mit hunderten, wenn nicht gar tausenden Werbebotschaften überhäuft werden. Werbung, die so gut versteckt ist, dass wir diese kaum mehr als solche wahrnehmen können.

Eine Welt, in der sich nicht jede Minuten neue Nachrichten auf dem Smartphone mit lautem Piepen und Brummen ankündigen. Eine Welt, in der nicht alle paar Minuten das Telefon klingelt oder der E-Mail Client neue Post empfängt.

Eine Welt, in der wir für einen Moment zurückfinden können, zur „guten alten“ Kommunikation. Ohne ständiges Drängeln, Piepsen und Brummen. Mit einem Sender, der es uns überlässt, wann wir für seine Botschaft empfänglich sein möchten.

Was wäre wenn…

Wann haben Sie zum Beispiel das letzte Mal einen handgeschriebenen Brief erhalten? Sich bewusst hingesetzt, um diesen zu öffnen, zu lesen und auch zu beantworten? Wäre das nicht mal wieder schön? Vielleicht ist es weniger eine Entgiftung, die wir alle machen müssen.

Vielleicht reicht eine Entschleunigung vom digitalen Alltag durch eine Rückbesinnung auf das Altbewährte?